{"id":331,"date":"2012-04-08T17:35:11","date_gmt":"2012-04-08T16:35:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.evonovation.com\/?p=331"},"modified":"2012-04-08T17:35:11","modified_gmt":"2012-04-08T16:35:11","slug":"zum-wert-und-zur-verwertung-von-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.evonovation.com\/?p=331","title":{"rendered":"Zum Wert und zur Verwertung von Kunst"},"content":{"rendered":"<p>Was ist der Wert von Kunst und wie soll man f\u00fcr ihn bezahlen? L\u00e4sst sich ihr Wert \u00fcberhaupt in Geld beschreiben? Geht es in vielen F\u00e4llen nicht gerade vielmehr darum, bestehende Ansichten, Wert(haltungen) und kritiklose Konsumperspektiven in und mit der Kunst in Frage zu stellen?<\/p>\n<p>Ohne Frage besteht also ein Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Kunst als Inhalt und ihrer Vermarktung bzw. den damit verbundenen Mechanismen und instrumentellen Denkhaltungen. Pragmatischerweise will ich mich hier allerdings nicht mit philosophischen Grundfragen zur Werthaftigkeit k\u00fcnstlerischer Kulturleistungen aufhalten sondern mit und f\u00fcr K\u00fcnstler Perspektiven einer praktisch realisierbaren Finanzierung von Kunst diskutieren, die sich gerade nicht den plumpen Marktmechanismen unterwirft. Gerade in j\u00fcngster Zeit scheinen sich einige technisch wie sozial getriebene Ver\u00e4nderungen in der Kunst Bahn zu brechen, die es dem K\u00fcnstler scheinbar mehr als jemals zuvor erm\u00f6glicht, selbst- und eigenst\u00e4ndige Wege zur Realisierung und Vermarktung seiner Kunst zu suchen. Ob es sich dabei um Musiker handelt, die den Vertrieb Ihrer Musik online selbst in die Hand nehmen, bildende K\u00fcnstler, die ihre Projekte auf Crowdfunding-Plattformen finanzieren oder sozial organisierte K\u00fcnstlernetzwerke, die ihre Ausstellungen virtuell in den sozialen Raum tragen &#8211; alle verbindet das immens gestiegene Ma\u00df an vielleicht auch nicht immer ganz freiwilliger Eigenverantwortlichkeit ihres Kunstschaffens, von der Initiierung bis zur marktbezogenen Abwicklung Ihrer T\u00e4tigkeit.<\/p>\n<p>Konnte der K\u00fcnstler sich fr\u00fcher noch auf (s)ein Handwerk zur\u00fcckziehen und auf die technische Perfektionierung konzentrieren, so ist der heutige Kunstschaffende sp\u00e4testens mit dem Anbeginn des Social Media Zeitalters nicht nur K\u00fcnstler in der Sache sondern immer auch Entertainer, Marketer, Fundraiser, Netzwerker, Politiker, Stratege, Gesch\u00e4ftsmann,&#8230; Freilich mag das f\u00fcr den Kunstbetrieb einiger gro\u00dfer Meister bereits vor hunderten von Jahren gegolten haben, jedoch ist der Unterschied zu heute ganz klar der, dass der heutige K\u00fcnstler all das in einer Person ist &#8211; nicht wie die alten Meister, die zum Teil gleich eine ganze Schule von ausf\u00fchrenden Kr\u00e4ften, Helfern, Planern, Netzwerkern und M\u00e4zenen beherbergt haben. Gleichwohl arbeitet auch der moderne K\u00fcnstler nicht allein sondern braucht gleich seinen vielen Vorg\u00e4ngern Kommunikation und Kooperation f\u00fcr das Gelingen aller gr\u00f6\u00dferen Projekte. Oft entsteht neue Kunst auch gerade erst aus der verbindenden Verarbeitung und originellen Rekombination bestehender Str\u00f6mungen und Ans\u00e4tze &#8211; eine T\u00e4tigkeit, die alleine gar nicht m\u00f6glich ist. Inspiration erw\u00e4chst erst aus dem aktiv verarbeitenden Austausch &#8211; ein Austausch doch so ganz anders als der, den der Marktmechanismus mit klingender M\u00fcnze bef\u00f6rdert. Anders als dieser ver\u00e4ndert sich der Gegenstand in jedem Austauschverh\u00e4ltnis zwischen K\u00fcnstlern, und mit der Ver\u00e4nderung entsteht Neues, Einzigartiges, das &#8211; nur wenn es den Markt zugleich \u00fcberrascht und best\u00e4tigt &#8211; auch mit klingender M\u00fcnze belohnt wird. Alles was jedoch zu neu oder zu unerwartet erscheint rutscht durch das grobe Marktraster hindurch wie der kleine Fisch durch das grobmaschiges Netz eines Industriefang-Schiffes.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend auf der Seite der Kunstvermarktung also bereits professionelle Strukturen nicht un\u00e4hnlich denen gro\u00dfer Investment-Banken existieren, wird der K\u00fcnstler zwar durch die Technik individuell unterst\u00fctzt, aber bei weitem nicht befreit. Vielmehr droht er zum Sklaven von elektronischen Kunstvermarktungssystemen zu werden, die ihn immer schneller zu immer neuen, spektakul\u00e4ren Projekten dr\u00e4ngen, die alle nur auf die Befriedigung bestehender Trends und Nachfragen auf dem Umschlagplatz der Kunst abzielen. W\u00e4hrend man also fr\u00fcher eher das Problem hatte, ein bestehendes Kunstwerk &#8220;marktf\u00e4hig&#8221; zu machen wird heute Kunst tendenziell immer \u00f6fter nur noch unter dem Vorzeichen eines durchkalkulierten Investment-Projekts realisiert. Die Frage ist dabei grundlegender Art: Wie versteht der K\u00fcnstler sich und sein Werk? Auch fr\u00fcher war \u00dcberzeugungsarbeit und Inszenierung Bestandteil der Kunst und damit der Arbeit des K\u00fcnstlers, so wie &#8220;Persuasion&#8221; (\u00dcberzeugung) als eine Dimension von Kreativit\u00e4t verstanden werden kann. \u00a0Wesentlich ist aber der Grad: Inwieweit versteht sich K\u00fcnstler gegebenenfalls ausschlie\u00dflich als Marketer seiner eigenen Person? Sicherlich geh\u00f6rt die Inszenierung der eigenen K\u00fcnstler-Persona mit zum Werk, sie ist die erweiterte Darstellung des Werks. Jedoch h\u00f6rt Kunst sp\u00e4testens dort auf, wo die Marktmechanismen K\u00fcnstlerfreiheit ausschlie\u00dfen oder vollkommen diktieren. Demzufolge k\u00f6nnte auch die Kunst eines hochgelobten und vom Markt geliebten Damien Hurst letztlich nur Trendakrobatik sein &#8211; der Grenzfall eines genialen Selbstvermarkters der mehr Provokation als Inhalt bietet und sich der Oberfl\u00e4chlichkeit der Marktnachfrage so perfekt angepasst hat wie der B\u00f6rsenmakler an die Ausnutzung der Arbitrage.<\/p>\n<p>Wenn man nun davon ausgeht, dass Kunst immer auch Kultur und damit kultureller Wert ist kann sich der Wert eines Kunstwerks aber nie ausschlie\u00dflich in dieser Art von &#8220;Nachfrage&#8221; ersch\u00f6pfen, insbesondere da Kunst sich mit bestehenden Werten auch kritisch auseinandersetzen muss. Wert entsteht hier also mehr als irgendwo sonst erst durch sch\u00f6pferische Zerst\u00f6rung des Bestehenden, allenfalls noch vergleichbar mit disruptiven Innovationsvorg\u00e4ngen im Sinne eines Schumpeter. Solche starken Sch\u00f6pfungsprozess bed\u00fcrfen des Zusammenwirkens vieler Kr\u00e4fte und vor allem der Kooperation und gegenseitigen Inspiration von K\u00fcnstlern. Umso weniger ist es daher m\u00f6glich, einzelne K\u00fcnstler in die Pflicht zu nehmen, ihr Kunstschaffen als soziotechnisch optimierte Industriefertigung und -vermarktung zu betrachten. Wenn moderne Technik \u00fcberhaupt helfen kann dann nur dort, wo sie ein bereits bestehendes mehr kooperatives als kompetitives Modell des Kunstschaffens durch entsprechende Struktur und Austausch sinnvoll unterst\u00fctzt. Anders als Plattformen f\u00fcr das individuelle Crowdfunding von K\u00fcnstlern bedarf es daher vielmehr sinnvoller Applikationen die es K\u00fcnstlergemeinschaften erlaubt, ihre Kunst im freien gegenseitigen Austausch zu schaffen und sich bei der Vermarktung gegenseitig zu unterst\u00fctzen als jeden einzeln zum Marktsklaven seiner selbst zu machen. Der Ausverkauf der kreativen Seele des K\u00fcnstlers bedarf einer w\u00fcrdigen Technik, die nicht nur den technischen Prozess sondern vielmehr den kreativen Menschen und seine Gemeinschaft durch rollenspezifische Austauschprozesse wertsch\u00e4tzt. Dazu z\u00e4hlen Ans\u00e4tze, die mehr nach einer Kooperative oder Kommune als einer Ansammlung von Privatunternehmern aufgestellt sind. Konzepte, die die Idee einer Vermarktungskooperative aufgreifen und den Marktauftritt f\u00fcr die Kunst nicht dem Einzelnen sondern eine starken K\u00fcnstlergemeinschaft \u00fcberantworten. Und dazu z\u00e4hlen Gesellschaftsmodelle, die sich weniger auf den Schutz des \u00a0&#8220;geistigen Eigentum&#8221; \u00a0als vielmehr auf die Unterst\u00fctzung der individuellen Kreativit\u00e4t eines sozial eingebundenen K\u00fcnstlers konzentrieren.<\/p>\n<p>Eine L\u00f6sung des Problems scheint nicht trotz sondern gerade angesichts der \u00fcberzogen individualistischen Ausrichtung unser paradoxerweise sozial genannten Medienlandschaft kurzfristig nicht m\u00f6glich. Nur der nachhaltige soziale Zusammenschluss der K\u00fcnstler untereinander und das gemeinsame Abfedern der radikalen Marktkr\u00e4fte kann wenn \u00fcberhaupt Optionen f\u00fcr echte k\u00fcnstlerische Freiheit generieren &#8211; Freiheit die klare Grenzen braucht und nicht die illusion\u00e4re Grenzenlosigkeit virtueller Cyberwelten. Bei genauerem Hinsehen also wenig \u00fcberraschend wird der K\u00fcnstler nur dort wirklich den intendierten &#8220;Wert&#8221; durch seine Kunst schaffen, wo er pers\u00f6nlich Verantwortung f\u00fcr sein soziales Umfeld \u00fcbernimmt und mit seiner Gemeinschaft eine moderierte Kultur k\u00fcnstlerischer Freiheit schafft. Privatwirtschaft, Staat und Institutionen k\u00f6nnen eine solche Kultur immer nur teilweise st\u00fctzen &#8211; generiert werden muss sie vom K\u00fcnstler und seinem Netzwerk selbst. Gewarnt werden kann daher nur vor allen kurzsichtigen Versuchen, Vermarktungsprozesse an Plattformen, Gadgets, Shops oder \u00c4hnliches auszulagern ohne die k\u00fcnstlerische Gemeinschaftskultur in den Prozess zu integrieren. Kein technisches System der Welt kann am Ende sozialen Zusammenhalt ersetzen. Und wenn die Kunst auch ihren kritischen Gehalt gegen\u00fcber Marktprozessen behalten soll dann gilt noch viel mehr: Nur durch gemeinschaftliche Kraft kann dem Unbill und der Beliebigkeit des schwankenden Marktes getrotzt werden &#8211; andernfalls der einzelne K\u00fcnstler schnell in den Fluten des kapitalistischen Ozeans ertrunken ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist der Wert von Kunst und wie soll man f\u00fcr ihn bezahlen? L\u00e4sst sich ihr Wert \u00fcberhaupt in Geld beschreiben? Geht es in vielen F\u00e4llen nicht gerade vielmehr darum, bestehende Ansichten, Wert(haltungen) und kritiklose Konsumperspektiven in und mit der Kunst in Frage zu stellen? Ohne Frage besteht also ein Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Kunst als Inhalt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.evonovation.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/331"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.evonovation.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.evonovation.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.evonovation.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.evonovation.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=331"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.evonovation.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/331\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":355,"href":"https:\/\/www.evonovation.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/331\/revisions\/355"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.evonovation.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.evonovation.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.evonovation.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}